Mitleidlos - hilflos?

"Freddy tanzt", "Tatort" vom WDR am 1.2.2015. Selten war ein titel so gewollt und so daneben, und wann gab es in einem Tatort beinah nur Opfer? Man muss für die zwei Banker richtig dankbar sein, dass sie das Klischee des gewissenlosen, sich chemisch aufputschenden Geldjongleurs so gut bedienen. Abeer kann man wirklich wütend sein auf das konsequent weghörende, wegsehende, vegane Althippiepärchen, das sich selbst genug ist? Es ist eher Ekel über diese alternativ daherkommende Scheinheiligkeit. Oder die allein erziehende Mutter, die ihren Hilflosigkeitsappeal nutzt, um als professionelle Abendbegleiterin die horrende Miete und die Privatschule ihrer Tochter bezahlen zu können, weil der sonst nötige soziale Abstieg dem Kind schaden könnte. Kann man ja verstehen.Verstehen kann ich nicht, wieso sie ihre Nachbarin nur als billiges Kindermädchen ausnutzt, statt diese geprügelte Frau dazu zu bringen, ihren sie verfolgenden Mann endlich anzuzeigen. Dass sie, schwer traumatisiert, in dem blutenden Daniel nur ihren Mann sieht und sich mit Pfefferspray glaubt wehren zu müssen, ist nachvollziehbar - alles Übrige nicht: die Vertuschung angesichts vor der Tür stehender Polizisten, das Wegschaffen der Leiche.Aber das ist ja das große Paradoxon dieses Tableaus mit elf Figuren: Alle haben Mobiltelefone, aber niemand ruft den Notarzt. Die Polizisten, mit großer Verspätung nach einem Anruf des Trainers gekommen, lassen sich abwimmeln von der so erschreckend ehrlich guckenden Teilzeithostess. Und der Eishockeytrainer weiß anscheinend nicht, worüber er entsetzter sein soll: über die Entdeckung, dass er schwul ist, oder über seine Feigheit, einem Menschen zu helfen und dadurch vielleicht seine Karriere zu ruinieren. - Und dann ist da noch die Exfreundin, die erst mal nichts von dem Rucksack erzählt und auch sonst nichts "damit" zu tun haben will, und die Mutter, die viel zu spät wach wird und auch überall auf taube Ohren trifft. Ja, Ballauf mit seiner Unfähigkeit, endlich ein verantwortungsbewusster Erwachsener zu werden, geht mir tierisch auf den Geist. Aber am Ende meiner Warum-Fragen lande ich beim Klavierspieler. Warum geht er nach der gescheiterten Beziehung nicht zu seiner Mutter zurück und startet von da aus eine gezielte Arbeitsplatzsuche? Warum wählt er nach der Attacke durch den um sich schlagenden Loser nicht selbst den Notruf? Warum stärkte ihm seine Mutter nicht den Rücken gegen den erfolgreichen Künstlervater? Warum ist er so unfähig, sich selbst zu helfen? Ich weiß es nicht, und der Film muss auch keine  Antwort darauf geben. Dafür zeigt er sehr schön, was passiert, wenn jemand nach einem Fall nicht wieder aufsteht und sich selbst hilft: "Die Gesellschaft" süuckt ihn aus. Nicht nur aus Bosheit oder der vielzitierten Kälte. Nein, jeder ist so erfüllt von seinen eigenen Problemen oder was mandafür hält, dass da kein Platz ist für Empathie, Solidarität, schlicht Nächstenliebe. Kein Wunder, dass selbst im katholischen Köln das Christentum keine große Attraktivität mehr besitzt. Aber das ist eine neue Baustelle, die als Ruine zu enden droht.

 

6.2.15 10:48

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