Schande (15.2.15)

 Ein Interview auf hr2 mit Martin Walser erinnert mich daran, wie sehr seine klare Position mich immer beeindruckt und geprägt hat: Der Holocaust, die Shoah ist nichts, was man aufwiegen kann gegen andere Scheußlichkeiten anderer Völker. Nicht, weil die gezielte Vernichtung der Juden, industriell organisiert, unvergleichlich ist - das ist sie, bisher jedenfalls. Auch nicht, weil die (Kriegs)verbrechen anderer Völker nicht so gravierend wären. Nein, der Denkansatz ist einfach falsch: Schuld - so haben wir es uns angewöhnt - wird vor Gericht gewogen und beurteilt, und genau so sind viele mit der organisierten Judenvernichtung umgegangen: als ob man ein ganzes Volk vor Gericht stellen könne. Kann man nicht, und deshalb gibt es keine blödere Vokabel als die der Kollektivschuld. Es war und ist Martin Walser, der den überall treffenden Begriff wählte: SCHANDE. Und wie er bin ich der Meinung, dass sie  bleibt, etwas ist, das man ertragen muss und nur eines tun kann: dafür sorgen, dass nicht noch weitere Schande hinzukommt.

Deswegen waren  und sind Neonazis in Deutschland als gewalttätige Lügner eine neue Schande, obendrauf, und deswegen ist die Pegida-Bewegung eine weitere Schande für uns alle, weil wir, Politiker, Medien, Lehrer, Eltern versäumen, Klartext zu reden: Auch Deutsche waren Opfer, Flüchtlinge und Vertriebene zuhauf - aber der Opferstatus macht einen nicht automatisch unschuldig! Mein in der Sowjetunion im Weltkrieg II verschwundener Onkel sagte seiner Schwester, meiner Mutter, beimletzten Heimaturlaub, diesen Krieg dürfe Deutschland nicht gewinnen, wenn es noch Gerechtigkeit gebe, und sie sollten sich angesichts dessen, was da in Russland geschehe, auf eine schreckliche Vergeltung gefasst machen. - Ja, so läuft das: Der Eine begeht ein himmelschreiendes Unrecht, und dann kommt die Vergeltung durch den anderen, und der Eine vergisst prompt, was er getan hat, und schreit Zeter und Mordio: "Womit habe ich das verdient?" Ja, die Frage stellen sich solche Leute tatsächlich, weil sie einfach vergessen haben, was sie taten.

Also, Klartext: Kein Volk dieser Erde, das jemals Macht über andere ausübte, war und ist unschuldig, und was ihnen je an Vergeltung, Rache, Übel zugefügt wurde, war nicht mehr und nicht weniger als eben das, aber kein Grund, sich deshalb für ein unschuldiges Opfer zu halten. "Ja, aber nur wir Deutschen reden von unseren Verbrechen." Genau! Da könnten die anderen mal was von uns lernen. Nicht weil wir besser sind - aber vielleicht waren und sind manche unter uns reflektierter, und wir hatten ja auch Hilfe von Emigranten oder Schriftstellern wie Martin Walser oder Peter Weiss oder Heinrich Böll und anderen, die eine Art öffentliches Gewissen artikulierten. Ja, Schande haben viele Nationen auf sich geladen, und nicht alle reden darüber; in manchen Ländern ist das Öffentlich-Machen der eigenen Schande sogar unter Strafe gestellt. DAS ist Beschneidung der Meinungsfreiheit, liebe Pegida-Leute. George Orwell prägte den unübertroffenen Satz: "Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen."

Das gilt auch bei uns und für jeden - wer anderes behauptet, übt sich in passiv-aggressiver Nörgelei oder Lüge. Aber: Reden ist eine Sache - handeln eine andere. Wenn eine Französin, die in Dresden arbeitet, auf der Straße angegiftet wird, sie solle gefälligst deutsch reden (an der Arbeit tut sie es natürlich), dann packe ich mich an den Kopf: Wer beschwert sich als erster, dass die Deutschen im Ausland noch immer angefeindet werden? Richtig, genau dieselben. Das ist die gleiche Scheinheiligkeit, die die Retter des christlichen Abendlandes praktizieren, wenn sie das Gebot der Nächstenliebe nur gelten lassen, wenn es ihnen genehm ist. Man kann es nicht oft genug sagen: Maria und Josef hätten heutzutage schlechte Karten als Wohnungssuchende ohne fettes Einkommen, als erkennnbare Ausländersowieso. Doch das immerhin ist eine Schande, die jeder, der Wohnungen vermietet, ändern könnte - solange nicht die lieben, braven Nachbarn Klage einreichen (oder zündeln..), weil sie Angst vor den Fremden haben, die den Wert ihrer Immobilie schmälern könnten... Ja, überall nur Opfer, denen man das Bisschen noch wegnehmen will. Oder schlimmer: die ertragen sollen, dass es den Anderen genauso gut geht wie einem selber. "Ja, wo sind wir denn?!" In einem der reichsten Länder der Welt...

25.2.15 11:15

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