Tatort vom 22.3.15

Was sind wir doch für ein glückliches Land! Unsere größte Sorge heute Morgen (23.3.) ist, ob das neue Tatort-Team in Berlin etwas taugt oder ein Fehlgriff ist. Über manche Leute kann ich ja nur staunen: Zehn Minuten geguckt und dann weggeschaltet - okay. Aber dann urteilen, es sei ein schlechter Tatort? Ich fand den Anfang auch nicht beglückend, zumal die von mir geschätzte Meret Becker mal wieder das spielte, was ich schon zu oft von ihr sah: eine kindlich-triebhafte Frau, die sich mit jeder Faser dagegen sträubt, erwachsen zu werden. Damit könnte ich noch leben, aber wenn ich lese, dass sie die Figur der Nina Rubin als Entwurf einer ihre eigene Sexualität auslebenden, emanzipierten Frau verstanden sehen will, kann ich nur noch lachen, LOL! Was ist verdammt noch mal emanzipiert daran, wenn eine Frau mittleren Alters nachts nach einem anstrengenden Job um die Häuser zieht und sich bei Gelegenheit riskanten Vögeleien hingibt, während zu Hause zwei Jungs nicht wissen, was sie vom Verhalten ihrer Eltern halten sollen? Ich halte es für kein Zeichen von Emanzipation, wenn gestandene Frauen das post- oder dauerpubertäre Verhalten mancher Männer nachahmen und das auch noch als Zeichen ihrer Gleichberechtigung verkaufen wollen. Ja, Gleichberechtigung in Unreife und Blödheit. Dankeschön dafür: Solche Vorbilder der "Freiheit" braucht die weibliche Hälfte der Menschen so nötig wie eine Warze auf der Nasenspitze. Aber was soll's: Die Figur der Nina Rubin kann sich ja noch entwickeln, wenn Meret Becker darauf verzichten kann, schon wieder die Lulu zu geben.

Kollege Robert Karow ist - wie der ganze "Tatort" diesmal - ein sehr realistischer Charakter: arrogant und lieber zynisch, bevor er zugibt, dass ihm etwas nahegeht. Arrogant und chauvinistisch ist im Übrigen auch der Gerichtsmediziner Boerne in Münster - nur dass Jan Liefers ihn in einem auf Komödie angelegten Umfeld spielt und ein bisschen ins Parodistische drehen darf. Und das ist auch gut so: Ich will nicht jeden Sonntag verzweifeln an der Rohheit der Welt, da sind die Münsteraner die Variante zum Durchatmen, manchmal zum Lachen. Und Karow ist bei weitem nicht so nervtötend wie dieser Kommissar, dessen Namen ich bisher erfolgreich vergessen habe, der als durchgeknallter Profiler in die Rolle des laut denkenden täters schlüpft. Aber das ist wiederum reine Geschmackssache, genauso wie das kritisierte viele Blut, die beschriebene Ausweidung des Mädchens. Wer wie ich amerikanische Serien wie "Bones" oder "CSI" (alle drei Varianten) guckt, findet das nicht soo verwunderlich und im Fall dieses "Tatorts" entschieden besser motiviert als dort: Was kann Teenagern heute Besseres passieren, als über die "Geschäfte" mit sog. Mulis sehr realistisch aufgeklärt zu werden?! Wenn ein solcher Krimi nur zwei von zehn Mädchen dazu bringt, sich auf solchen Mist nicht einzulassen, hat er schon mehr Erziehungsarbeit geleistet als all die Eltern, die ihre Kinder am liebsten unter einer Käseglocke aufziehen und "vor allem Bösen bewahren wollen", wie das immer so schön heißt.

 Am besten aber hat mir die Praktikantin gefallen, und ich kann nur hoffen, dass sie ein bleibendes Element wird, sich entwickeln darf: Sie lässt sich nicht kleinmachen, und sie ist klug  und selbstsicher genug, um auf den eigentlich nicht zutreffenden Vorwurf ihrer Chefin mit einer Verteidigung zu reagieren. Es macht Freude, ihrem schnellen Verstand bei der Arbeit zuzusehen - eine gescheite Frau ohne Mätzchen, ohne Gezicke. DAS ist mal ein echtes Vorbild für gelingende Emanzipation.

Fazit: Sehr gute Schauspieler, ein realistischer Plot, eine filmische Umsetzung ohne überflüssige minutenlange Blicke auf ein fahrendes Auto (das wegzulassen müssen sie im ZDF noch lernen!); auch die Musik wird nicht zu aufdringlich. Nur eines würde ich mir wünschen: dass diese Schauspieler, die doch zum Teil auch auf Theaterbühnen stehen, verständlich artikulieren - also nicht nuscheln oder so schnell sprechen, dass man, zumal bei Hintergrundmusik, nur noch raten kann, was sie  vielleicht gesagt haben könnten. Bitte nicht am Kollegen Til Schweiger orientieren: Der ist nicht wegen, sondern trotz seiner ewigen Nuschelei beliebt. Auf ihn als Tatort-Kommissar könnte ich im Übrigen gut verzichten. Aber vielleicht wird's beim nächsten Mal ja ein bisschen realistischer in Hamburg...

26.3.15 12:18

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