Flüchtlinge

1956, als ich eingeschult wurde, war ich eins von vielen Flüchtlingskindern. Gemeinsam war uns,dass wir in Holzbaracken wohnten, wo es fließendes Wasser (kalt, ein Wasserhahn) nur auf dem Flur gab, und die meisten von uns sprachen einen Dialekt, den die Einheimischen so wenig verstanden wie wir den ihren. In meinem Jahrgang war ich das einzige Flüchtlingskind, das am Gymnasium aufgenommen wurde, aber das Etikett wurde ich nicht los, wie das halt so ist in einer Kleinstadt. Den Eingesessenen missfiel der Ehrgeiz der Flüchtlinge, die versuchten, das Verlorene möglichst schnell wiederzugewinnen.                   Heute höre ich fassungslos seit Jahren einer Flüchtlingsdebatte zu, die immer bizarrer wird, angesichts existierender Zahlen, Prognosen und Erfahrungen - Stichworte: Geburtenrückgang, Fachkräftebedarf, Einbürgerung der "Gastarbeiter" des 20. Jahrhunderts. (Wer es genauer wissen will, findet alle Zahlen im Netz.) Die Schlussfolgerungen daraus liegen eigentlich auf der Hand, und ich verstehe nicht, warum man nicht beginnt, vernünftig zu handeln, auch und gerade von Regierungsseite her.                                                   Denn eigentlich ist es ganz klar: Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz, das diesen Namen auch verdient, indem nebenbei auch das Asylrecht menschenwürdig und eindeutig geregelt wird. Dem kommerziellen Menschenschmuggel ein Ende zu bereiten, wäre ganz einfach, indem man festlegt, dass jeder, der sein Heimatland verlassen will, sich im nächsten deutschen Konsulat melden und einen Einreiseantrag stellen kann. Falls das die Personalkapazitäten vieler Botschaften überstiege, lässt sich das sicher schnell ändern. Und dann sollte schon gleich zu Anfang geklärt werden: Wie lang wollen die Einreisewilligen bleiben, zwei Jahre oder länger? Welche beruflichen Qualifikationen bringen sie mit (und bitte nicht weiterhin so knausrig sein bei der Anerkennung ausländischer Zeugnisse/Berufsabschlüsse!)? Welchen Schulbedarf muss man bei Kindern einkalkulieren? Natürlich müsste das Angebot an Deutschkursen für alle Einwanderungswilligen erheblich aufgestockt werden - aber das dürfte angesichts der mageren Einstellungspolitik der Kultusminister kein echtes Problem sein; auch Studenten verdienen gern mal Geld dazu. Ob jemand vor Krieg, Bürgerkrieg, Armut oder existenzbedrohender Diskriminierung flieht, sollte keine Rolle mehr spielen. Damit würden, vermute ich, manche strittigen Asylanträge sich in Luft auflösen, und man hätte Gelegenheit, bei der Gewährung politischen Asyls endlich mal Haltung zu zeigen, dass wir uns nicht nur eine Demokratie nennen, sondern auch eine sind, z. B. für Edward Snowden.                                                     Statt Schleusern Unsummen in den Rachen zu werfen, könnten die baldigen Neubürger günstige Charterflüge bekommen, und da man ja im Vorfeld schon wüsste, wer mit welchem Bedarf und welchen Berufsmöglichkeiten kommt, könnte man die Unterbringung entsprechend organisieren. Es gibt in Deutschland halb verlassene Dörfer: Was spricht dagegen, dass Bauern aus afrikanischen Ländern als Selbstversorger einen verlassenen Bauernhof übernehmen, z. B. als Pächter? Die so gefürchteten "Flüchtlinge" bringen ja ein Leben mit, als Arbeiter, Ingenieure, Handwerker, kleine Geschäftsleute usw., und wenn auf diese Weise kleine Orte wieder einen Laden, einen Schuster o. ä. bekämen, hätten alle etwas davon. Wer bis zu 30000 € für einen Schleuser spart, kann bei uns mit diesem Geld viel schneller wieder auf eigene Beine kommen, und wo es kneift, kann das bisher gezahlte Taschengeld, das man in diesem Umfang nicht mehr zahlen müsste, als Starthilfe für Existenzgründer gezahlt werden.                             Dass dasnicht allesreibungslos ginge - nicht jeder lernt Sprachen leicht - und nicht nur sympathische Menschen kommen, ist völlig klar. Man sehe sich Nachbarschaftskriege unter Deutschen an: Auch in der Disziplin, wegen eines falschen Gartenzauns vor Gericht zu ziehen, sind wir Weltmeister. Die Kinder unserer Nachbarn zu Linken gehen mir nicht auf die Nerven, weil sie aus Rumänien kommen, sondern weil es, auch nach Meinung unserer türkischen Nachbarn zur Rechten, ungezogene, freche Blagen sind. Naja, da muss man sich halt zusammenraufen, bildlich gesprochen. Im Übrigen sind sie als EU-Bürger völlig zu Recht hier.                     Zurück zur "Flüchtlingskatastrophe": Wir schauen alle wie das berühmte angststarre Kaninchen auf die riesigen Zahlen, die immer größer werden: Huch, wie furchtbar! Im Ernst: Die Probleme mit überlaufenden Aufnahmelagern, Zeltstädten etc. sind hausgemacht. Auf Lampedusa konnte man in den letzten Jahren studieren, was auf uns zukommt, und Entsprechendes vorbereiten. Aber nein, es muss ja Katastrophenstimmung mit Katastrophenbildern gemacht werden, auf dass die Furcht vor den Fremden kräftig angeheizt wird. cui bono = wem nützt das? Ich weiß es nicht, verstehe das Kalkül nicht, wenn es eins gibt. Ich bin nicht paranoid genug, um an eine rassistische Verschwörung von Ministerien, Polizei und Verwaltung zu glauben. Bleibt nur die übliche Trägheit des Systems und dumme Kurzsichtigkeit von Politikern, die glauben, die Mehrheit der Wähler stehe bei Pegida. Leute, zeigt ihnen, dass wir Bürger nicht die xenophoben Dumpfbacken sind, für die uns unsere Volksvertreter samt Regierung halten! Hilfsbereitschaft zahlt sich für die Helfer aus - fragt die Soziobiologen - Stichwort reziproker Altruismus! Bedeutet vereinfacht: Nächstenliebe hat sich genetisch durchgesetzt, weil Hilfsbereitschaft dem Individuum und der Gemeinschaft nutzt und sie mit besseren Überlebenschancen belohnt. Hätten die römischen Kaiser im 4./5. Jahrhundert die Grenzen für die anstürmenden Germanenvölker nicht dichtgemacht, hätten wir seit gut 1500 Jahren ein vereintes Europa, ausgehend vom "Ewigen Rom". Wir sollten die Fehler der letzten weströmischen Kaiser nicht wiederholen.

                                                      

26.8.15 10:45

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